Die Vielseitigkeit der Freiheit

Freiheit ist ein Thema, das in vielen politischen Zusammenhängen eine große Rolle spielt. Das war auch schon früher so – und nicht nur in der Politik, sondern in ganz unterschiedlichen Bereichen der Geistesgeschichte.

Ich finde es spannend, wie vielseitig die verschiedenen Ebenene und Seiten der Freiheit sind. Hier ist eine kleine Zusammenstellung von Zitaten – natürlich längst nicht vollständig.

Freiheit und Staat

Ohne Sicherheit vermag der Mensch weder seine Kräfte auszubilden noch die Frucht derselben zu genießen; denn ohne Sicherheit ist keine Freiheit.
(Wilhelm von Humboldt, Grenzen der Wirksamkeit des Staates, 1792, zitiert von Günther Beckstein 2010)

„Bei der Untersuchung begangener Verbrechen darf der Staat zwar jedes dem Endzweck angemessene Mittel anwenden, hingegen keines, das den bloß verdächtigen Bürger schon als Verbrecher behandelte, noch ein solches, das die Rechte des Menschen und des Bürgers, welche der Staat auch in dem Verbrecher ehren muss, verletzte oder das den Staat einer unmoralischen Handlung schuldig machen würde.“

Ohne Risiko gibt es keine Freiheit.
(Gerhard Baum, FDP, ehemaliger Innenminister, am 20. April 2016 –  an diesem Tag hatte das Bundesverfassungsgericht nach einer Klage von Gerhard Baum entschieden, dass das BKA-Gesetz mehr staatliche Überwachungsmöglichkeiten enthält als vom Grundgesetz erlaubt.)

Arguing that you don’t care about privacy because you have nothing to hide is no different than saying you don’t care about free speech because you have nothing to say.
(Edward Snowden, 2015)

Freiheit in der Erziehung

Der wahrhaft freie Mensch will nur das, was er kann, und tut nur, was ihm passt.
(Jean-Jacques Rousseau, 1762)

„Lasst [den Zögling] immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen. […] Seid ihr nicht Herr seiner Eindrücke nach Belieben? Seine Arbeiten, seine Spiele, sein Vergnügen, und sein Kummer – liegt nicht alles in euren Händen, ohne dass es davon weiß? Zweifellos darf es tun, was es will, aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut.“

Der Mensch handelt nach der Idee von einer Freiheit, als ob er frei wäre, und eo ipso ist er frei.“
(Immanuel Kant, 1827)

„Wir kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange? [Denn] ich soll meinen Zögling gewöhnen, einen Zwang seiner Freiheit zu dulden, und soll ihn zugleich anführen, seine Freiheit gut zu gebrauchen. Ohne dies [weiß …] der der Entziehung Entlassene […] sich seiner Freiheit nicht zu bedienen. Er muss früh den unvermeidlichen Widerstand der Gesellschaft fühlen“ – aber auch: „dass man das Kind, von der ersten Kindheit an, in allen Stücken frei sein lasse“ (Ausnahmen: „wo es sich selbst schadet“ sowie Rücksicht auf die Freiheit anderer), und man dem Kind muss notwendigen Zwang „beweisen“, „der es zum Gebrauche seiner eigenen Freiheit führt“.
(Immanuel Kant, 1803)

Freie Software

Um ihre Freiheit zu verteidigen, müssen die Menschen sie wertschätzen, für sie dankbar sein. Und um sie wertschätzen zu können, müssen sie erstmal wissen, was sie bedeutet.

Für Freie Software gibt es vier notwendige Freiheiten:
0. Die Freiheit, das Programm für jeden Zweck auszuführen
1. Die Freiheit, die Funktionsweise eines Programms zu untersuchen, und es an seine Bedürfnisse anzupassen
2. Die Freiheit, Kopien weiterzugeben und damit seinen Mitmenschen zu helfen
3. Die Freiheit, ein Programm zu verbessern, und die Verbesserungen an die Öffentlichkeit weiterzugeben, sodass die gesamte Gesellschaft profitiert
(Richard Stallman, 2006)

Freiheit in der Wirtschaft

Gibt man daher alle Systeme der Begünstigung und Beschränkung auf, so stellt sich ganz von selbst das einsichtige und einfache System der natürlichen Freiheit her. Solange der Einzelne nicht die Gesetze verletzt, lässt man ihm völlige Freiheit, damit er das eigene Interesse auf seine Weise verfolgen kann und seinen Erwerbsfleiß und sein Kapital im Wettbewerb mit jedem anderen oder einem anderen Stand entwickeln oder einsetzen kann.“
(Adam Smith, Wohlstand der Nationen, 1776)

Der Kapitalismus ist zum wichtigsten Hindernisgrund für Freiheit, Demokratie und Wohlstand geworden, deshalb lautet die politische Forderung unserer Zeit: Freiheit statt Kapitalismus.
(Sarah Wagenknecht, Freiheit statt Kapitalismus, 2011)

Willensfreiheit

Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden.

„Die in der lebensweltlicher Praxis gängige Unterscheidung von gänzlich unfreien, etwas freieren und ganz freien Entscheidungen erscheint in Kenntnis der zu Grunde liegenden neuronalen Prozesse problematisch. Unterschiedlich sind lediglich die Herkunft der Variablen und die Art ihrer Verhandlung: Genetischen Faktoren, frühe Prägungen, soziale Lernvorgänge und aktuelle Auslöser, zu denen auch Befehle, Wünsche und Argumente anderer zählen, wirken stets untrennbar zusammen und legen das Ergebnis fest, gleich, ob sich Entscheidungen mehr unbewussten oder bewussten Motiven verdanken.“
(Wolf Singer, Neurophysiologe, 2004)

Obwohl der Mensch “einen Willen haben mag, der ihn antreibt, dies oder jenes zu tun, so ist dieser doch gänzlich gefangen unter der Sünde, so dass er keine Freiheit zum Guten hat außer der, die Gott ihm gibt”.
(Hugenottenbekenntnis, 1559)

Zusammenfassung der protestantischen Position:
Gottes Gerechtigkeit ist immer größer als die menschliche, unvollkommene Gerechtigkeit. Also ist es unmöglich, aus eigenem Tun heraus gerecht zu werden.
Entscheidend ist nur das Vertrauen auf Gott und der Glaube an Jesus Christus.
Der menschliche Wille geht immer wieder fehl – aber wichtig ist letztlich nur Gottes Wille.

Je mehr man das Gute tut, desto freier wird man. Wahre Freiheit gibt es nur im Dienst des Guten und der Gerechtigkeit. Die Entscheidung zum Ungehorsam und zum Bösen ist ein Missbrauch der Freiheit und macht zum Sklaven der Sünde. Aufgrund seiner Freiheit ist der Mensch für seine Taten soweit verantwortlich, als sie willentlich sind. Fortschritt in der Tugend, Erkenntnis des Guten und Askese stärken die Herrschaft des Willens über das Tun.“
(Katechismus der katholischen Kirche, Nummer 1733/1734, erschienen 1992)

Wir glauben aber, dass die Freiheit für die Gerechtigkeit von Nutzen ist. […] Die Freiheit des Willens ist die Macht, die Rechtschaffenheit des Willens um dieser Rechtschaffenheit selbst willen zu bewahren.“
(Anselm von Canterbury, Über die Freiheit des Willens, 1080–1086)

Zusammenfassung seiner Position:
Der Mensch empfängt von Gott sowohl Freiheit als auch Rechtschaffenheit.
Falls der Mensch sich dazu entscheidet, die Rechtschaffenheit aufzugeben, so gerät er unter die Macht der Sünde und verliert seine Rechtschaffenheit.
Aus dieser Gefangenschaft unter die Sünde kann nur Gottes Gnade befreien.

Freiheit in der Religion

Gott hat euch zur Freiheit berufen!“

Gott hat euch zur Freiheit berufen, meine Brüder und Schwestern! Aber missbraucht eure Freiheit nicht als Freibrief zur Befriedigung eurer selbstsüchtigen Wünsche, sondern dient einander in Liebe. Das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn dieses eine Gebot befolgt wird: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‘ “
(Paulus, Brief an die Galater 5,13.14)

„Die Liebe nimmt sich keine Freiheiten heraus,
sie sucht nicht den eigenen Vorteil.
Sie lässt sich nicht zum Zorn reizen
und trägt das Böse nicht nach.“
(Paulus, 1. Brief an die Korinther 13,5)

Die Israeliten „sind doch dein Eigentum, [Gott], dein Volk, das du mit deiner großen Kraft und deinem ausgestreckten Arm in die Freiheit geführt hast!“
(Mose, Deuteronomium 9,29)

Aus den 10 Geboten: „Denke daran, dass du selbst in Ägypten ein Sklave warst und der HERR, dein Gott, dich mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort in die Freiheit geführt hat. Deshalb befiehlt er dir, den Tag der Ruhe einzuhalten.“
(Deuteronomium 5,15)

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Es ist klar, „dass ein Christ kein Werk und kein Gebot zu seiner Seligkeit nötig hat, sondern von allen Geboten frei ist und alles, was er tut, aus lauter Freiheit umsonst tut“.
„Darum soll seine Absicht in allen Werken frei und nur darauf gerichtet sein, dass er damit den andern Leuten diene und nützlich sei, und nichts anderes vor Augen habe, als was den andern notwendig ist.“
(Martin Luther, 1520)

 

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